Geschichte I 11. September 2018
Mit Mut und dem Willen zur Veränderung und zu Investitionen in die Zukunft
Mit Mut und dem Willen zur Veränderung und zu Investitionen in die Zukunft

Manuel Dubs, Verwaltungsratspräsident der Vitodata AG

Einmal mehr steht die Vitodata AG vor einem Meilenstein: Der Startschuss für die Auslieferung der portierten, internetbasierten Kranken­geschichte unseres vitomed ist erfolgt. Das ­Produkt wird erstmals an der IFAS 2018 (23. bis 26. Oktober) einem breiten Publikum vorgestellt. Super – werden die einen sagen, schon wieder – andere. Jede Veränderung bedeutet eine Aus­einandersetzung mit Chancen, Risiken, Mühen und Kosten. Warum nur kann man nicht zufrieden sein mit dem, was man hat? Es liegt in der Natur der Menschheit, immer mehr und Besseres zu wollen. Und dies hat die Menschheit zu dem gemacht, was sie heute ist, mit allen Vor- und Nachteilen. Wohl kaum jemand kann sich diesen Bestrebungen entziehen.

Entweder schwimmt man mit oder geht unter!

Diese Aussage betrifft insbesondere auch die Softwareentwicklung der Vitodata AG. Wie schön wäre es doch, wenn endlich einmal Ruhe ein­kehren würde. Doch weit gefehlt: Auch im 39-­sten Geschäftsjahr der Vitodata AG wird unsere Soft­ware vitomed nicht fertig werden, und nach der Portierung ist bekanntlich vor der Portierung. Mit der Lancierung der 6. Generation unserer Software haben wir erneut einen Meilenstein geschaffen, ­welcher die Grundlage für die weiterhin er­folg­reiche Geschäftstätigkeit der Vitodata AG sein wird.

Angefangen hat alles in den 80-er Jahren: Das vitomed wurde vollständig in MBASIC programmiert und lief nur auf Anlagen mit dem Betriebs­system CP/M. Ein einziger Entwickler war jahrelang zuständig für Analyse, Konzeption, Codierung und ­Wartung der Software. Die Entscheidungswege waren kurz, und am Vortag anlässlich einer Kunden­vorführung geäusserte Wünsche konnten über Nacht implementiert werden. Später wurde auf das Betriebssystem MS/DOS sowie auf WINDOWS gewechselt; die Programmiersprache blieb immer BASIC, wenn auch immer neue und leistungsfähigere Versionen auf den Markt kamen. Aus technologischer Sicht bahnbrechend war 1992 der Wechsel auf Visual Basic for Windows. Diese Programmiersprache bot ungeahnte Möglichkeiten! Mangels Ausbildungsmöglichkeiten musste man sich das komplett neue Fachwissen selber ­beibringen, und immer noch hing die ganze Analyse, Konzeption, Codierung und Wartung der Software an einer einzigen Person. Zunehmende Codierungsdisziplin war angesagt, wollte man sich nicht in den Tiefen der Bits und Bytes verlieren.

Wachsende Anforderungen an Geräte-Schnittstellen

Mit den wachsenden Programmiermöglichkeiten stiegen die Kundenanforderungen, insbesondere die Anforderungen an Geräte-Schnittstellen und Kommunikation mit Umsystemen. Gegen Ende der 90-er Jahre wurden zusätzliche ­Entwickler angestellt, welche sich vor allem um die ­An­bindung ­medizinischer Geräte aller Art ­kümmerten. Die Verbreitung des Internets und die damit ver­bundenen Kommunikationsmöglichkeiten stellten unsere Entwicklungsabteilung vor neue Herausforderungen. Mobiles Computing sowie diverse ­weitere, teilweise exotische Erfassungs­geräte ­gerieten fast über Nacht in Mode und ver­schwanden zum grossen Teil wieder in der Versenkung. Trotzdem mussten alle diese neuen Möglichkeiten abgeklärt, programmiert und ­entweder für gut oder schlecht be­funden werden. Weder wir noch unsere Mitbewerber konnten es sich leisten, einen wichtigen Trend zu verpassen.

Die Versionen unserer Entwicklungswerkzeuge wie auch der Datenbank-SQL-Server wechselten (und tun es immer noch) im Jahrestakt. Längst können wir die Anforderungen an die Software vitomed nicht mehr mit einer einzigen Programmiersprache abdecken. Je nach Problemstellung eignen sich manche Werkzeuge besser oder weniger gut für eine durchdachte und performante Lösung. Was gut und schnell auf einem einzelnen Arbeitsplatz läuft, muss noch lange nicht schnell und ­stabil auf einer ASP-Umgebung (Cloud) laufen. Die diesbezüglichen Abklärungsaufwände sind enorm gestiegen, und je länger je mehr wird es wohl nur grösseren und wirtschaftlich starken Firmen möglich sein, diese Vorinvestitionen zu tätigen.

Die Entwicklungsabteilung der Vitodata AG hat sich schon seit geraumer Zeit von der One-­Man-Show der früheren 80-er und 90-er Jahre ­verabschiedet. Vorbei sind die Zeiten, als man noch beim Kunden direkt vor Ort Entwicklungs­wünsche umsetzen konnte und vorbei sind die Zeiten, als man zu Beginn eines IFAS-Messetages eine neue Soft­wareversion einspielen konnte, welche die ­geäusserten Kundenwünsche des Vortages ­enthielt...

Markanter Ausbau der internen ­Entwicklungs- und Testprozesse

Heute kümmern sich rund 25 Personen um die ­weitere Entwicklung und Pflege der Soft­ware vitomed. Vier Personen bilden das ­Product ­Marketing, welches die Ansprüche und ­Wünsche unserer Kunden entgegennimmt, bündelt, ­analysiert und in Form von Konzepten der Entwicklungs­abteilung zur Verfügung stellt. In diversen personell breit gefassten Preview- und Review-Sitzungen werden diese Ergebnisse ­periodisch hinterfragt, verworfen oder für gut befunden. Erst dann beginnt die Umsetzung in den Programmcode sowie die Festlegung der terminlichen Freigabe. Bis zu 15 Entwickler kümmern sich um die Realisierung der Vorgaben, dies in enger Zusammenarbeit mit unseren Datenbank-­Spezialisten und Ingenieuren unserer ASP-­Umgebung. Derzeit geben wir vier Mal im Jahr eine neue Version frei. Alle neuen Versionen werden von einem vierköpfigen Testteam in wochenlanger Arbeit und nach genau festgelegten Prozessen auf Herz und Nieren geprüft. Dies sowohl auf Einzel­platz- und Mehrplatzanlagen als auch in ­unserer Test-ASP-Umgebung. Gleichzeitig werden die Online-Hilfe sowie die technischen Anleitungen und Schulungsunterlagen auf den neuesten Stand gebracht. Sobald die interne Freigabe einer neuen Version erfolgt ist, werden unsere 15 Service-­Desk- und weitere Mitarbeiter geschult. Erst dann wird die neue Version einer ersten 100 Kunden umfassenden Gruppe zur Verfügung gestellt. Treten innerhalb der folgenden zwei Wochen keine ­systematisch bedingten Probleme auf, wird die neue Version für alle Kunden freigegeben.

Dieser Prozess hat sich während der letzten ­Jahre gut etabliert. Gegenüber früher sind wir im Update­prozess etwas träger geworden, dafür konnten wir die Auslieferungsqualität deutlich steigern. Leider unverändert ist die Hektik vor und nach der Aus­lieferung neuer Tarmed-Versionen, wo wir alle unsere Kundenanlagen auf einen Stichtag hin updaten und manchmal wieder zurückfahren müssen, weil die betroffenen Vertragsparteien in letzter Sekunde früher gemachte Zusagen zurückgezogen oder die finalen Unterschriften verweigert haben.

Auch wenn die Software-Produkte für den ­Benutzer immer einfacher zu bedienen sind, steigt der Realisationsaufwand über­proportional an. Die Halbwertzeit des Wissens der ein­gesetzten Entwicklungs­produkte bleibt konstant tief oder sinkt. Eine permanente Weiterbildung ­unserer Software-­Ingenieure ist unerlässlich. Nur dann können sie mit Visual Studio, VB6, C#, Typescript, Angular, Java, TFS und ­anderen Entwicklungswerkzeugen umgehen. Neue Berufs­bilder sind entstanden: Neben den unter­schiedlich qualifizierten Software-Entwicklern (Junior, Professional, Senior, Expert) gibt es auch ­qualifizierte Software-Architekten und Software-Tester. Es ist und bleibt eine Heraus­forderung, entsprechend fachkundige Angestellte zu finden.

Laufend kommen neue Hardware und Betriebssysteme hinzu, welche alle auf Tauglichkeit und Kompatibilität geprüft werden müssen. Was vollmundig beworben wird und modern aussieht, ist für den täglichen Alltagsbetrieb manchmal untauglich. Ganz nach dem Motto: Nicht alles Neue ist gut und nicht alles Gute ist neu. Auch für diesen Tätigkeitsbereich setzen wir inzwischen eine Vollzeitstelle ein.

600 aktuelle Schnittstellen zu Dritt­systemen werden laufend angepasst

Was einmal entwickelt und an Kunden weiter­gegeben wurde, unterliegt einer jahrelangen Wartung. Wussten Sie, dass die Vitodata AG schon mehr als 1’000 verschiedene Schnittstellen zu Drittsystemen entwickelt hat? Davon sind noch mehr als 600 in Betrieb und müssen in jede neue Software-Generation mitgezogen werden. Ein nicht zu unterschätzender Aufwand, zumal wir auch für eine begrenzte Zeit die entsprechenden ­medizinischen Geräte bei uns haben müssen.

Die Entwicklungsabteilung der Vitodata AG ist ein gutes Beispiel, um zu zeigen, dass in diesem Bereich seit der Gründung der Firma kein Stein auf dem anderen geblieben ist. Nach aussen machen wir seit 1980 immer noch dasselbe: Wir entwickeln ein medizinisches Administrationssystem mit dem Namen vitomed und vertreiben dieses schweizweit in drei Sprachen auf mittlerweile mehr als 15’000 Arbeitsplätzen. Es freut uns, dass wir immer noch Kunden haben, welche in den 80-er Jahren mit der CP/M Version des vitomed begonnen haben und uns bis heute treu geblieben sind (das war die Zeit, wo eine externe 5 MB Harddisk in der Grösse einer Schreibmaschine noch CHF 18’600 kostete).

Eigene Rechenzentren für veränderte Praxislandschaften

Nicht nur die Vitodata AG, auch unser Marktumfeld hat sich verändert. Der Drang zur Konzentration des medizinischen Angebotes hält ­unvermindert an. Gruppenpraxen und Praxisketten öffnen zunehmend ihre Pforten, so dass den aktuell ­beliebten Lebensmodellen der ­An­gestellten besser Rechnung getragen werden kann. EDV-­Anlagen mit mehr als 10 Arbeitsplätzen sind zur Regel ­geworden, und immer häufiger wird die Server­leistung in ein externes Rechenzentrum aus­gelagert. Auch in diesem Bereich ist die ­Vitodata AG ­führend: Schon vor mehr als 10 Jahren – als noch fast niemand an die Notwendigkeit und den ­Erfolg einer solchen Lösung glaubte – haben wir mit dem Aufbau eines eigenen Rechenzentrums begonnen und im Jahre 2016 ein zweites in Betrieb genommen. Inzwischen beziehen bereits um die 1’000 Arbeits­plätze die Software-Funktionalität des ­vitomed ab unserer zentralen Cloud-Lösung.

Wir werden weiterhin unser Bestes geben, auf ­diesem erfolgreichen Weg fortzufahren. Der Mut und der Wille zur Veränderung und Investitionen werden unser treuer Begleiter bleiben. Besser als ­Gustav Heinemann (deutscher Politiker, 1899 – 1976) kann man es nicht sagen: «Wer nichts verändern will, wird auch das verlieren, was er bewahren möchte.»

 

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